Die Schlaglochpiste in der Hauptstraße des Hosenfelder Ortsteils Schletzenhausen (westlicher Kreis Fulda) ist ein brisantes und heftig diskutiertes Thema, das seit Februar 2009 viel Zündstoff zwischen Bürgern und Kommunalpolitik gelegt hat. Weil die Gemeinde Hosenfeld die marode Straße in diesem Jahr nach eigenen Angaben nicht mehr sanieren kann und die tiefen Löcher womöglich ungestopft blieben, griffen insgesamt 120 Arbeitswillige heute Morgen zu einer ungewöhnliche Selbsthilfe. Sie luden zur "Schlagloch-Fete" unter dem Motto "Kalter Teer meets heiße Bratwurst" - und außer Helfern folgten dem auch viele Medien, von hr über FFH bis ZDF.
Mit Traktoren, Schubkarren, Gasbrennern, einem Kubikmeter Kaltteer und weiteren Bauhilfsmitteln rückten die Bürger - darunter auch ausgewiesene Baufachleute - ab 09:30 Uhr an, um die - teils bis zu 10 Zentimeter tiefen - Löcher in der rund 1 Kilometer langen Hauptstraße mit Kaltteer zu stopfen. Beim Gemeindeoberhaupt kam die besondere Aktion jedoch schon im Vorfeld nicht gut an: Bürgermeister Bruno Block (parteilos) hatte nach Bekanntwerden der Bürgerpläne die Schletzenhäuser schriftlich auf strafrechtlichen Folgen hingewiesen. Davon hatten sich die 28 Anlieger und ihre Helfer jedoch nicht abhalten lassen. Und weder Bürgermeister noch Polizei erschienen während der "Bauarbeiten" vor Ort.
"Wir füllen die Löcher selbst, bevor der Winter hereinbricht und den Unterbau der Straße vielleicht beschädigt", erklärte Anliegersprecher Thomas Weismüller am Samstagmittag im Gespräch mit "osthessen-news". Mehr als sechs Stunden seien die Helfer damit beschäftigt gewesen, die unzähligen großen Löcher mit Kaltteer auszustopfen. Dies sei ein Material, das die Gemeinde selbst schon eingesetzt habe. Weismüller, der direkt an der Hauptstraße wohnt, berichtete, die Gemeinde habe am vergangenen Montag im Eckbereich Hauptstraße/ Am Ebertsgarten Schäden ausbessern lassen. Jedoch sei das flüssige Baumaterial bis heute nicht fest geworden. Die Aktion wurde heute von zahlreichen - sogar überregionalen - Medien beobachtet und die Journalisten konnten sich selbst davon überzeugen, dass beim Auftreten auf die "vermeintlich reparierten" Löcher die weiche Masse nachgab.
Seit 20 Monaten wird in dem 409 Einwohner zählenden Ort schon über die Hauptstraße kontrovers diskutiert. Die von der Gemeinde Hosenfeld ursprünglich geplante Straßensanierung, die auch den gesamten Unterbau einbezogen hätte, sollte 1,2 Millionen Euro kosten. Diese Ausbaukosten halten die Anlieger für zu hoch, da eine Deckenerneuerung ausreichend sei. Diese Meinung der Bürger wird von einem Gutachten, das sie selbst in Auftrag gegeben hatten, unterstützt.
In dem Gutachten von der "Geonorm - Gesellschaft für Angewandte Geowissenschaften" vom September 2009 heißt es wörtlich: "Die während der Baugrunderkundung ermittelten Ergebnisse lagen bereichsweise weit über den Anforderungen. Es ist daher aus gutachtlicher Sicht lediglich eine Deckenerneuerung zur Beseitigung der oberflächlichen Asphaltschäden notwendig. Dazu sind die oberen 4-6 cm zu fräsen und durch eine neue Asphaltschicht zu ersetzen". Die kostengünstigere Variante "Deckenerneuerung" zur Beseitigung der oberflächlichen Asphaltschäden für "nur" 220.000 Euro soll von Block abgelehnt worden sein, weil "der Untergrund der Straße aus Sicht der Gemeinde kaputt sei", beschrieb Anliegersprecher Weismüller.
Die teurere Baumaßnahme würde die 28 Anlieger finanziell erheblich belasten: Jeder der Betroffenen hätte - je nach Grundstücksgröße - zwischen 30.000 und 80.000 Euro pro Grundstück zahlen müssen, sagte Weismüller. Einen ersten Erfolg hatten die Anlieger im Mai 2009 erreicht, als die Mehrheit der Gemeindevertretung - nach entsprechenden Argumenten und Protesten der Schletzenhäuser - das Millionenprojekt ablehnte. "Natürlich sind wir bereit, uns finanziell an der Sanierung zu beteiligen", erklärte Anliegersprecher Weismüller, "aber das vom Bürgermeister angestrebte Projekt ist viel zu teuer. Das würde einige Familien ruinieren."
Nach der Faktenlage in Sachen Straßenbaumaßnahme gibt es anscheinend einige Ungereimtheiten: Für den Landeszuschuss zur 1,2 Millionen-Maßnahme soll die Gemeindeverwaltung angegeben haben, es seien cirka 375.000 Euro Anliegerbeiträge zu erheben. Daraufhin habe das Land Hessen der Kommune einen Zuschuss in Höhe von 490.000 Euro angekündigt. Tatsächlich müssten die Anlieger der "innerörtlichen Hauptverkehrsstraße" jedoch die Hälfte der Kosten tragen, weil es für diese Straßenklassifizierung die Regel der "50:50-Finanzierung" gebe. Bei Anliegerversammlungen, so berichteten Betroffene, sei auch tatsächlich angekündigt worden, dass die Grundstücksbesitzer insgesamt 600.000 Euro zu zahlen hätten.
Bürgermeister Bruno Block war am Samstagnachmittag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Als die Gemeinde Hosenfeld von dem besonderen Engagement der Bürger erfuhr, schrieb der Bürgermeister einen Brief an die Anliegergemeinschaft, in dem er auf die rechtlichen Folgen des "eigenmächtigen Handelns" verwies. Aus strafrechtlicher Sicht handele es sich bei der privaten Straßenausbesserung unter anderem um "Sachbeschädigung", "Unerlaubte Benutzung einer Straße" und "Verkehrshindernisse". Die Anlieger erhielten für ihre Aktion von Mitbürgern "bisher nur positive Reaktionen", sagte Weismüller am Abend. Und was viele Menschen - auch angesichts der steten Politikerappelle nach "mehr Eigeninitiativen" der Bevölkerung - denken, drückte ein älterer Passant an der "Baustelle" aus: "Eine ganz tolle Aktion. Die Ablehnung des Bürgermeisters kann ich da nicht verstehen". (Christian P. Stadtfeld) +++
