ROMO-Schwerstarbeit für Retter: doppelt so viel Hilfe nötig - "Saufproblem"

17.02.10 - FULDA - Viele stark alkoholisierte junge und sehr junge Menschen, Schnittverletzungen, Schlägereien und Prellungen nach Stürzen auf glattem Kopfsteinpflaster. Das waren die Schattenseiten des größten hessischen Rosenmontags-Umzugs in Fulda, mit denen die Rettungskräfte konfrontiert wurden. Innerhalb von zehn Stunden wurden 19 Transporte in Fuldaer Krankenhäuser - vier davon durch Notärzte begleitet - und 61 Hilfeleistungen in der Sanitätsstation im Museumshof registriert.

„Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Anzahl von Transporten sowie Hilfeleistungen verdoppelt - und die Gewaltbereitschaft der Besucher deutlich zugenommen“, bilanzierte Christian Erwin von der Sanitäts-Einsatzleitung im Gespräch mit osthessen-news am Dienstagabend den arbeitsaufwändigen Tag. Die knapp 40 ehrenamtlichen Retter vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) waren komplett für den Sanitätsdienst „rund um den Zug“ da; der Rettungsdienst des Landkreises Fulda - Malteser Hilfsdienst, DRK und Notarzteinsatzfahrzeug der Feuerwehr - übernahm nötige Transporte in Kliniken und den Sanitätsdienst im Stadtgebiet.


Den Rosenmontag sehen viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene offenbar als gute Gelegenheit für einen gefährlichen „Sport“: Wett- und Komasaufen. Die in Fulda versorgten jungen Leute waren zwischen 14 und 22 Jahren alt. Nur ein Beispiel: ein etwa 21 Jahre alter junger Mann lag - kurz nachdem der Umzug vorbei war - bewusstlos auf dem Buttermarkt, wo tausende Menschen feierten und Party machten. Freunde hatten ihn gefunden und den Rettungsdienst gerufen.

Der Vollrausch kann tödlich sein

Durch den schnellen Einsatz der Rettungskräfte mit Notarzt konnte sicherlich Schlimmeres verhindert werden. Der junge Mann aus dem Main-Kinzig-Kreis musste noch vor Ort im Rettungswagen intubiert, also künstlich beatmet werden. Anschließend wurde er auf die Intensivstation eines Fuldaer Krankenhaues gebracht. Viele Jugendliche wissen gar nicht, dass ein Vollrausch, bei dem sämtliche Schutzreflexe des Körpers ausfallen und die Atmung deutlich langsamer ist, tödlich sein kann. Eine große Gefahr besteht darin, dass volltrunkene Patienten aspirieren, d.h. ihr Erbrochenes einatmen, und es dann zum Erstickungstod kommen kann.

Im Einsatz war am Rosenmontag auch Notarzt Birger Freier. Bereits vor einigen Wochen hatte die Redaktion von osthessen-tv.de drei Video-Interviews veröffentlicht, in denen Birger Freier intensiv auf die Thematiken Alkohol, Drogen und Gewalt einging. Nachfolgend die entsprechenden Links:


Alkohol & Gewalt unter Jugendlichen - Notarzt Dr. Birger FREIER (2) - VIDEO:
http://www.osthessen-news.de/beitrag_H.php?id=1172944

"Osthessen hat ein Drogenproblem" - Notarzt Dr. Birger FREIER im VIDEO (3):
http://www.osthessen-news.de/beitrag_E.php?id=1174634

Tödliche Falle: Alkohol & Drogen am Steuer - Notarzt Dr. FREIER im VIDEO:
http://www.osthessen-news.de/beitrag_E.php?id=1172649

Zu den Alkoholintoxikationen kam in einigen Fällen auch der Konsum von Drogen wie Ecstasy, was in Kombination ebenfalls zur Bewusstlosigkeit führen kann. Neben den vielen Einsätzen mussten sich die „Retter“ aber auch um ihre eigene Gesundheit bemühen, da die Rosenmontags-Besucher teilweise sehr aggressiv waren, Schlägereien anfingen oder die Helfer angriffen. Auf dem Buttermarkt kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Rettungskräften und einem alkoholisierten Besucher, der eine „Pfefferspray-Attacke“ startete und dabei fünf Menschen in seinem Umfeld verletzte sowie Rettungsdienst und Notarzt gefährdete.

Alkoholverkauf ohne Ausweiskontrollen contra Präventionsarbeit

Während zunehmende Aggressivität und Angriffslust ein allgemein-gesellschaftliches Problem darstellen, dem man mit einfachen Rezepten nicht beikommen kann, wäre das „Saufen bis zum Koma“ zumindest in einem Punkt etwas einfacher zu bekämpfen. Der übermäßige Alkoholkonsum wird für Jugendliche nämlich erst durch den problemlosen Kauf möglich. Wie die Redaktion von Personen, die dies beobachteten, erfuhr, wurde am Rosenmontag in einer größeren Lebensmitteldiscounter-Filiale in der Unterstadt ohne Ausweiskontrolle an Jugendliche hochprozentiger Alkohol verkauft.

„Die haben einfach nur Umsatz gemacht, jede Menge Alkohol ging da über die Kassen“, hatten die Zeugen gesehen. Solches Verhalten im Handel steht im direkten Gegensatz zu den Bemühungen von Kommunalpolitikern, Sozialeinrichtungen oder Präventionsinitiativen wie etwa „SMOG“. Deren Aufklärungsarbeit zum Thema „Alkohol und Jugend“ ist engagiert, erreicht aber womöglich gerade diejenigen Jugendlichen und Heranwachsenden nicht mehr, für die Feiern schon fast wie selbstverständlich mit „Saufen“ verbunden ist.

Organisiert wurde der Sanitätsdienst, wie schon in den Vorjahren, von den beiden Fuldaer Bereitschaften des DRK Fulda sowie Mitgliedern der Bereitschaft Flieden mit verschiedenen Rettern - von den SAN-Helfern über Rettungsassistenten bis hin zu Notärzten. Die Gesamtkoordination und Einsatzleitung lag bei Bereitschaftsleiter Harald Heun von der Schnelleinsatzgruppe (SEG) Fulda. Mit einer Sanitätsstation im Museumshof, mehreren Rettungswagen (RTW) und einem Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) waren die Helfer an verschiedenen Standorten in der Innenstadt positioniert, um die medizinische Versorgung für die rund 55.000 Närrinnen und Narrhallesen am Straßenrand sowie die Mitwirkenden im Zug sicherzustellen.

Außer dem ROMO noch 100 "normale" Einsätze

Die rettungsdienstliche Einsatzabwicklung mit Notfällen rund um den Fastnachtsumzug erfolgte über die mobile Einsatzzentrale, ein Sonderfahrzeug mit modernster Technik, im Museumshof. Dabei stand die dreiköpfige Sanitätsleitung (Christian Erwin, Matthias Goldbach und Marion Schreiner) in engem Kontakt mit den Disponenten der Leitfunkstelle Fulda. „Die Kommunikation hat hervorragend funktioniert“, lobte Erwin im Abschlussgespräch.

Wegen des hohen Einsatzaufkommens in Stadt und Landkreis Fulda ist in der Nacht von Montag auf Fastnachtsdienstag kurzfristig ein zusätzlicher Rettungswagen mit ehrenamtlichen Einsatzkräften der Fuldaer Bereitschaft im Katastrophenschutzzentrum eingesetzt worden. Und neben dem am Klinikum Fulda 24 Stunden lang besetzten Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) des DRK Fulda, hatte die Feuerwehr Fulda die Vorhaltung ihres Notarztbesetzten Rettungsmittels bis 23:00 Uhr verlängert.

Das war auch nötig: denn außer der Großveranstaltung „RoMo“ im Fuldaer Stadtgebiet mussten parallel mehr als 100 Rettungseinsätze - internistische oder chirurgische Notfälle, wie sie tagtäglich vorkommen - durch die Leitfunkstelle Fulda disponiert werden.

Was für die einen Feiern und Spaß bedeutet, ist für die anderen – Rettungsdienste ebenso wie Polizei - jede Menge anstrengende und konzentrierte Arbeit. Das war schon früher so. Aber seit einigen Jahren werden die „Alkoholleichen“ immer jünger – eine ungute Entwicklung, die den Rettern und Helfern bei ihren Einsätzen zu schaffen macht. (Christian P. Stadtfeld) +++

Der Rosenmontagszug in Fulda - ein "Hauptkampftag" für Notärzte...

...Polizisten und polizeiliche Hilfskräfte...

...und für Rettungskräfte, wie die Retter und Helfer vom DRK

Das DRK betreute im Sanitätsdienst "den Zug komplett"...

...und hatte dafür die Einsatzleitung im Museumshof aufgebaut

Der Rettungsdienst des Landkreises - etwa wie hier der Malteser Hilfsdienst - sorgte für nötige Transporte in Krankenhäuser

Notfallmediziner Dr. Birger Freier.

Viel Arbeit hatten auch die Disponenten der Leitfunkstelle Fulda - im Bild Einsatzbearbeiter Joachim Riediger.

...machten sich ein Bild vor Ort: DRK-Rettungsdienstleiter Donald Löw (li.) und Lothar Reus...

Zur Unterstützung kamen auch Rettungskräfte aus Flieden

An Tagen wie diesen ist ein Großaufgebot an Helfern nötig

Und das macht den Rettern bei Großveranstaltungen wie dem ROMO Probleme - der steigende Alkoholkonsum

Wer hier die Flasche schwenkte, war nicht auszumachen - aber leer gemacht wurde sie ganz sicher

Das Leergut machte klar: überall wurde kräftig "gebechert" - Schnaps, Sekt, Bier und...

...Hochprozentiges, deren Leergut "Witzbolde" hier noch zur zerbrechlichen Säule gestapelt hatten



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