16.10.07 - Fulda - Hessens beste Schülerzeitungen wurden gestern auf der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet. ("Osthessen-News" berichtete ausführlich). „Sie leisten einen wichtigen Beitrag für ein lebendiges Schülerleben. Sie zeigen, dass die Schülerinnen und Schüler Interesse an ihrer Schule haben, sich mit ihr identifizieren und für sie einsetzen“ hieß es offiziell. Auch viele Lehrer und Eltern würden die Ausgaben lesen und so einen Eindruck davon bekommen, was unter der Schülerschaft gerade diskutiert wird. Sarah Kemeter von der Redaktion „Steintimes“ der Fuldaer Freiherr-vom-Stein-Schule wurde für den besten Einzelartikel „Von Damen, Komponisten und Zauberern“ ausgezeichnet. Sie hat der Redaktion von "Osthessen-News" ihren Bericht mit Bildern zur Verfügung gestellt - und die Redaktion veröffentlicht ihn nachfolgend "IM WORTLAUT":
Von Damen, Komponisten und Zauberern....
Ein Lama kommt selten allein
von Sarah Kemeter
Dieser Augenaufschlag! Diese dichten Wimpern! Und ein leicht arroganter Blick, bei dem man sich gleich zum Bediensteten degradiert fühlt. Man könnte fast neidisch werden. Als Diva wäre Lilli wahrscheinlich perfekt geeignet... und dann noch die tollen Haare! Nein, ich bin keinem extravaganten und schönem Menschen begegnet und im roten Abendkleid kann ich mir die Dame wahrlich nicht vorstellen - denn Lilli ist ein Lama.
Und wie kommt man auf´s Lama? Durch einen Flyer im heimischen Baumarkt. Auf dem schlichten, gelben Papier wird für die „Vogelsberglamas“ der Familie Odermatt geworben, die in dem kleinen Dörfchen Reichlos ihre Lamatouren anbieten. „Lama als gleichberechtigter Partner“, „sensible Tiere“, „entspannend“ - das klingt doch alles toll nach dem stressigen schriftlichen Abitur. Ein Telefonanruf und wenige Tage später geht’s ab nach Freiensteinau- Reichlos.
Das mit dem „gleichberechtigter Partner“ hat Lilli scheinbar nicht gelesen, denn nach der ersten Begegnung fühle ich mich etwas eingeschüchtert. Eigentlich dachte ich so als passionierte Pferde-Spaziergängerin, so ein Lama wäre nicht viel anders, aber irgendwie... Auch die anderen Mit-Wanderer gucken erstmal skeptisch. Wir haben eine Halbtagestour gebucht mit zweistündiger Tour und anschließendem Grillen. Zehn Erwachsene und drei Kinder haben sich auf dieses kleine Abenteuer eingelassen, der größte Teil davon spiegelt wohl das Bild des gelangweilten Frankfurter Großstädters, der Abwechslung sucht und seinem Kind mal „das Land“ zeigen will.
Um uns erstmal die Angst vor den hier eher unüblichen Tieren zu nehmen, erklärt uns unsere Tour-Führerin Silke Philipp-Odermatt erstmal ein bisschen was zum Thema Lama. Klar, dass die Tiere aus Südamerika kommen und dort als Lastenträger genutzt werden, weiß so ziemlich jeder. Aber dass es an diesem Tag schon fast zu warm für die Lamas ist, ist für alle etwas neues. Südamerika? Da ist es doch warm!
Dummerweise aber nicht in den Anden, wo die Lamas leben. Daher haben sie mit kälteren Temperaturen kaum Probleme, da das dichte, wuschelige Fell sie warm hält. Bei hohen Temperaturen kommen die Lamas jedoch sprichwörtlich ins Schwitzen: Sie haben lediglich vier Klimazonen, über die Wärme abgegeben werden kann. Reicht das nicht, kann das Tier überhitzen und einen Kreislaufkollaps erleiden. Damit wird auch verständlich, warum von Rechtswegen vorgeschrieben ist, sein Lama in den hiesigen Breitengraden mindestens alle zwei Jahre scheren zu lassen.
Damit aber trotzdem auch an richtig warmen Tagen Touren stattfinden können, sind die Odermatts jetzt auf den Esel gekommen, die ja bekanntlich warme Temperaturen gut überstehen. Einer davon, Norbert, steht schon im Garten und wartet auf seinen Kollegen, der aber erst in einer Woche eintrifft. Bis dahin vertreibt er sich die Zeit mit Dösen und Lama-Ärgern. Kurz bevor es losgeht, werden uns noch die anderen beiden Lamas der heutigen Tour vorgestellt. Neben Lilli laufen noch Mozart und Merlin, das Packlama, mit. Und dann geht es los: je zwei Leute führen ein Lama am Strick und im Gänsemarsch laufen wir vom Hof. Norbert brüllt zum Abschied.
Unsere Tour geht rund um den Reichloser See und durch den Wald. Ein kurzer Stopp am See, der NaBu-Schutzgebiet ist und dennoch den Reichlosern an heißen Tagen zur Abkühlung dient. Silke Philipp-Odermatt hat natürlich auch die passenden Stories auf Lager: Von Menschen, die in dem See umgekommen sind, ob nun Selbstmord oder mysteriöser Strudel...irgendwie erzeugt das die Atmosphäre eines Horrorfilms – und das bei strahlendem Sonnenschein und 25 Grad!
Aber Gott sei Dank geht’s schnell weiter. Mozart trottet friedlich neben mir her,der Hals mit dem Kopf wippt seltsam. Überhaupt ist der Gang der Kameliden etwas gewöhnungsbedürftig. Eine Mischung aus Huhn und Kuh vielleicht. Wir kommen auch durch Gegenden, in denen seit dem Orkan Kyrill (Ihr wisst schon, da war schulfrei ;) ) noch keine Ordnung geschaffen wurde. Zwar sind die umgeknickten Bäume an den Rand der Wege geräumt worden, aber der Beseitigungstrupp ist noch in der Nachbargemeinde im Einsatz.
Nach etwa einer Stunde machen wir eine Pause. Lilli, Merlin und Mozart werden an einem Jägerhochstand angebunden, während wir uns mit Hanuta stärken. Lilli summt empört und versucht mit seltsamen „Strick-ums-Lama-wickeln-Techniken“ auf sich aufmerksam zu machen. Hat ein bisschen was von einem Schlangenmenschen ...-Pardon, Schlangenlama natürlich.
Was aber noch seltsamer ist: Die drei stehen vor dem saftigsten Gras und streiten sich regelrecht um eine vertrocknete, harte Distel. Silke Philipp-Odermatt klärt uns natürlich auf: In den Anden sind karge Sträucher die häufigste Vegetation und werden daher von den Lamas gefressen. Das merken wir während des Ausflugs auch einige Male, als die Lamas urplötzlich die Köpfe runterreißen, weil sie einen verblühten Löwenzahn erspäht haben.
Umso mehr erschrecke ich mich jedoch, als wir auf eine Wegkreuzung in der prallen Sonne gelangen. Neben mir knickt Mozart plötzlich ein und das Lama neben mir ist weg. Hat eine Sandkuhle gefunden. Freut sich. Wälzt sich. Lilli äugt schon neidisch zu ihm hin und keine dreißig Sekunden später liegt auch sie im Staub. Soviel zum Thema Lady. Nur der arme Merlin darf nicht – mit dem Gepäcksattel keine gute Idee. Die vorher geputzten Lamas sind jetzt schön staubig und als ich leicht auf Mozarts Fell klopfe, erinnert er mich ein bisschen an einen Flokati-Teppich, der ein halbes Jahrhundert auf Großmutters Dachboden gelegen hat.
Bevor wir zurück zum Hof kehren, machen wir noch einen Abstecher zu den restlichen Lamas, die auf einer abgelegeneren Koppel stehen und gerade frei haben. Als Mozart & Co die anderen sehen, beschleunigen sie LEICHT ihren Schritt und summen, was das Zeug hält.
Zwischen den zehn Lamas steht ein einzelnes Pferd. Und genau das ist der Grund, wieso die Odermatts aufs Lama gekommen sind. Der alte Knabe langweilte sich anscheinend und büchste ständig aus. Also beschloss Silke Philipp-Odermatt, dass eine Begleitung her muss. Ein zweites Pferd? Zu aufwändig. Aber mann kann ja mal bei Google schauen, was es noch für Alternativen gibt. Und so kam das erste Lama, dem bald einige folgten. Auch wird die große Koppel jetzt ideal genutzt: Das Pferd frisst das frische Gras und die Lamas das halb verdorrte. Teamwork quasi.
Zurück auf dem Hof kommen die Lamas in den kleinen Stall. Während unsere Tourführerin den Grill anschmeißt, ist Norbert, der Esel, wieder der Star bei Erwachsenen und Kindern. Lilli, Mozart und Merlin legen sich erstmal hin zum wiederkäuen. Das bisschen trockener Löwenzahn muss ja schließlich weg. Während alle auf die Würstchen warten, hake ich mal nach, wieso man eigentlich eine Lamatour bucht. Eine Familie hat einen Bericht über die Vogelsberg-Lamas in der Frankfurter Rundschau gelesen und sich im Internet weiter informiert. Prompt bekam das Kind die Tour zu Weihnachten geschenkt – und die Eltern profitieren auch davon. Andere schenkten die Tour einem Verwandten als Gag, der auch gut ankam.
Mein Fazit: Eine Lamatour ist auf jeden Fall mal etwas anderes. Es macht Spaß mit den putzigen Tierchen durch die Gegend zu laufen und jeder Wandermuffel kommt so auf Trab. Okay, schönes Wetter sollte schon sein, weil Regen wohl jedem die Laune verdirbt. Mozart & Co haben sich als angenehme, nicht spuckende Zeitgenossen erwiesen, die es schon gewohnt sind, dass man sich regelrecht in ihr Fell kuscheln will. Zum Testen gibt es Schnuppertouren schon für 12,50€. Wem das gefällt, kann eine Halbtags-, Tages oder Mehrtagestour mitmachen. Desweiteren verkaufen die Odermatts in ihrem kleinen Hoflädchen auch Alpaka-Mode, die man angeblich nie waschen muss, da sie keinen Geruch annehmen und nur gelüftet werden müssen – egal ob Socken oder Pulli. Mein Vater ist noch in der Testphase...
Wer mehr Informationen über die „Ausländer“ haben will oder Lust auf eine Lamatour bekommen hat: im Internet unter www.vogelsberglamas.de oder unter der Telefonnummer 06669-919231 wird ihm weitergeholfen.
Sarah Kemeter
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