Neue Klänge aus dem Mittelalter: Europäische Schlüsselfidel-Fortbildung

29.03.07 - Eiterfeld - In den Mauern der Akademie Burg Fürsteneck erklingen ungewohnte Klänge: Nach eineinhalbjähriger Vorbereitung hat die Europäische Nyckelharpa-Fortbildung begonnen. Zehn Musiker und Musikerinnen aus Deutschland, Österreich und Belgien wollen gemeinsam einen zweijährigen Kurs durchlaufen, um dieses ungewöhnliche Instrument spielen und unterrichten zu lernen.

Die „Schlüsselfidel“, inzwischen international eher unter dem schwedischen Begriff „Nyckelharpa“ bekannt, ist ein Streichinstrument, das mit einem kurzen Bogen gestrichen und mit Tasten (den Schlüsseln) in der Tonhöhe variiert wird. Die Schlüsselfidel war ab dem Mittelalter bis in den Beginn der Barockzeit in ganz Europa bekannt und kann anhand von Bildern und Beschreibungen vielfach nachgewiesen werden. Sehr frühe Abbildungen finden sich ab dem 14. Jahrhundert zum Beispiel an dem „Fleischhauer-Haus“ in Hildesheim und in einer Kirche in Siena.

Von Zentraleuropa aus scheint die Nyckelharpa dann nach Schweden gewandert zu sein. Und während sie überall sonst in Vergessenheit geriet, wurde sie in Schweden in einem schmalen Landstrich (Uppland und Dalarna) als Volksmusikinstrument gepflegt. Als typisch schwedisches Musikinstrument ziert sie heute schwedische Banknoten.

Der Leiter der neuen Nyckelharpa-Fortbildung, der in Deutschland lebende italienische Musiker Marco Ambrosini, hatte 1983 eine Nyckelharpa in einem Museum in Trondheim entdeckt. „Eigentlich wollte ich als Geiger das merkwürdige Instrument nur für meine Sammlung haben und als Dekoration an die Wand hängen. Aber dann habe ich doch versucht, darauf zu spielen, und bald den besonderen Klang und die neuen spieltechnischen Möglichkeiten schätzen gelernt.“ Heute ist Ambrosini einer der weltweit bekanntesten Nyckelharpa-Virtuosen und spielt in den großen Konzertsälen ein Repertoire von mittelalterlicher bis ganz moderner Musik auf diesem Instrument. Dazwischen lagen Jahre des Erforschens und Übens und auch der technischen Weiterentwicklung des Instruments gemeinsam mit den französischen Instrumentenbauern Jean-Claude Condi und Anette Osann.

Nicht zuletzt durch das Engagement von Marco Ambrosini und einigen anderen Musikern erlebt die Nyckelharpa im Moment ein stark wachsendes Interesse auch außerhalb von Schweden. In immer mehr Musikrichtungen und bei vielen Musikgruppen hält die Schlüsselfidel Einzug und mehrjährige Wartezeiten auf das eigene Instrument sind bei den renommierten Instrumentenbauern inzwischen die Regel.

Wie bei allen ungewöhnlichen Musikinstrumenten fehlt es aber an qualifizierten Ausbildungsmöglichkeiten. Auf Initiative von Marco Ambrosini hat daher Burg Fürsteneck, die hessische Akademie für berufliche und musisch-kulturelle Weiterbildung in Eiterfeld im Landkreis Fulda, gemeinsam mit der Scuola di Musica Popolare di Forlimpopoli in der hessischen Partner-Region Emilia-Romagna und der schwedischen Nyckelharpa-Ausbildungsstätte, dem Eric-Sahlström-Institutet in Tobo, eine Europäische Nyckelharpa-Fortbildung konzipiert. Ein Kooperationsvertrag konnte im März mit Unterstützung der Stadt Forlimpopoli in Italien feierlich unterzeichnet werden.

Im Wechsel mit seinen Nyckelharpa-Kollegen Ditte Andersson aus Schweden, Annette Osann aus Frankreich und Didier François aus Belgien wird Marco Ambrosini nun sein umfangreiches Wissen an die nächste „Generation“ europäischer Nyckelharpa-Spieler weitergeben. Fächer wie "Alte und Neue Musik" müssen ebenso absolviert werden, wie die Bogen-Technik der rechten und die Griff-Technik der linken Hand. Auch Instrumentenkunde einschließlich von Wartungs- und Reparaturarbeiten und pädagogische Grundlagen gehören zum Unterrichtsbildungsplan. „Auf diese umfassende Fortbildungsmöglichkeit haben wir lange gewartet“, schwärmt die Teilnehmerin Ute Überreiter aus Frankfurt, die auch schon mehrere Kurse in Schweden besucht hat.

„Vielleicht ist die Schlüsselfidel schon vor 700 Jahren hier auf Burg Fürsteneck gespielt worden“, überlegt Karsten Evers, der als hauptamtlicher Mitarbeiter der Akademie das Projekt betreut. „Und dass sie jetzt als modernes Instrument auch mit zeitgenössischer Musik in die Burg zurückkehrt, passt eigentlich gut zu dem Konzept, ein aktuelles Bildungsprogramm in den neu renovierten Räumen der historischen Burganlage anzubieten.“

Neben der kontinuierlichen Fortbildung bietet Burg Fürsteneck auch die Möglichkeit zum Beispiel bei den „Internationalen Nyckelharpa-Tagen“ vom 4. bis 7. Oktober 2007, die Nyckelharpa kennen und spielen zu lernen. Für Neueinsteiger stehen hier auch Leihinstrumente zur Verfügung.

Weitere Informationen unter http://www.burg-fuersteneck.de oder per Mail mailto:bildung@burg-fuersteneck.de , Telefon: 06672/92020+++


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