29.06.08 - WANDERTAG - Eigentlich hätte man die Würdigungen beim Festakt zum 125-jährigen Bestehen des Deutschen Wanderverbandes heute Vormittag in der Esperantohalle auf einen ganz kurzen Nenner bringen können: „Wandern ist toll, die Gründung des Wanderverbandes 1883 in Fulda war ein Glücksfall und ohne dessen Wandermitglieder wäre die Welt ein Stück ärmer.“
Aber weil damit so ein Festakt natürlich viel zu schnell zu Ende wäre, lief die offizielle Geburtstagsfeier im traditionellen Rahmen – mit Einzug der Wanderwimpelgruppe, Grußworten, einer Festansprache, spezieller Auszeichnung, Musik und dem gemeinsamen Absingen des „Wandervolk-Liedes“ am Ende – ab. Hochklassig, und für Musikkenner ein wahres Konzert, waren die Beiträge des Bayerischen Kammerorchesters Bad Brückenau und der Instrumental- und Gesangssolisten, die etwa Werke von Vivaldi, Schubert und Rossini darboten.
"Geburtstagwunsch" nach Finanzhilfe erfüllt - aber ohne €-Angabe
Der Besuch des Bundeswirtschaftsministers – und bekennenden Wander-Fans – Michael Glos (CSU) war für den Deutschen Wanderverband und den organisierenden Rhönklub eine besondere Ehre. Passend zu einem Teil seiner ministeriellen Aufgabenfelder sprach Michael Glos in seiner Rede in lockerer Reihenfolge Aspekte der Themen Wirtschaft, Technologie, Außenwirtschaft, Energie und Tourismus an.
Dabei geriet die Ansprache des 63-jährigen Unterfranken („...ich erwähne meine Wanderheimat Steigerwald jetzt nicht mehr, sonst wird’ ich noch der Schleichwerbung gescholten“) aber nicht etwa zu einer steifen Festrede, sondern lag mit der Mischung aus politischen Aussagen und persönlichen Anekdoten so ganz auf der Linie der rund 1.800 teilnehmenden Wanderfreunde.
Den anfangs geäußerten „Geburtstagswunsch“ von Wanderpräsident Dr. Hans-Ulrich Rauchfuß erfüllte Glos postwendend: er gab bekannt, dass das Bundeswirtschaftsministerium die geplante Grundlagenstudie über Freizeit- und Wanderverhalten, die wichtig für die Entwicklung der Verbände und des Wandertourismus sei, finanziell fördern werde. Der Bundeswirtschaftsminister leitete diese Zusage zwar mit einem Scherz ein („Lieber ein Onkel, der was mitbringt, als eine Tante die Klavier spielt“), verriet aber nicht, was sich in des Onkels Paket befand: also wie hoch die Förderung konkret ausfallen wird.
Glos: "Kommunalpolitiker können sich irren"
Gleich zu Beginn dankte Glos nicht nur dem Bayerischen Kammerorchester für die wunderbare Musik, sondern freute sich ausdrücklich über eine Begrüßung: vorm Saaleingang habe ein Drehorgelspieler „Das Wandern ist des Müllers Lust“ gespielt, „...und ich bin doch von Beruf Müllermeister“. Gleich nach seinem Amtsantritt 2005 sei ihm bekanntgeworden, was sich Schreibtischstrategen ausgedacht hätten: die Berufsbezeichnung Müller zu ändern in „Verfahrenstechnologe für Futtermitteltechnik und Nahrungsmittel“. Das habe er verhindern können. „Stellen Sie sich mal vor, man müsste statt >Das Wandern ist des Müllers Lust< dann singen >Das Wandern ist des Verfahrenstechnologen für Futtermitteltechnik und Nahrungsmittel Lust<,“ erzählte Glos zur Erheiterung des Publikums.
Der Bundeswirtschaftsminister überbrachte die ausdrückliche Gratulation von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu "der in 125 Jahren zurückgelegten Wegstrecke“. Wieviel sich seit 1883 geändert habe, zeige ein Beispiel von 1866: Damals hatte ein Gastronom eine Ausflugsgaststätte am Titisee bauen wollen und das war von der Gemeinde abgelehnt worden mit dem Argument: „im öden und menschenleeren Schwarzwald lohnt dies nicht“. Auch Kommunalpolitiker können irren, meinte Glos, und heute boome der Wandertourismus von Rügen bis zu den Alpen, auch am Titisee.
Hoffnung auf EM-Sieg - und in Folge noch mehr Touristen
Michael Glos würdigte, dass Wandervereine erst die freizügige Bewegung in der Natur möglich gemacht hätten, dass Wandern gesellschaftliche Gruppen verbinde und dass von 600.000 Mitgliedern des Wanderverbandes 100.000 unter 27 Jahren seien: „Ein Förster würde sagen, die Aufzucht unter den alten Bäumen gelingt.“ Wer wandert, sei bewandert, kenne seine Heimat anders als die Autofahrer und erlebe, etwa „in den schweigenden Bergen“ eine Welt der Ruhe fernab von Hektik.
“Mehr Bürgersinn“ im Lande und Besinnung auf Eigenes, wie etwa die vielfältigen Urlaubsmöglichkeiten in Deutschland, wünschte sich Glos. Er sei schon vor seinem Amtsantritt als Bundeswirtschaftsminister für „die Urlaubsregion Deutschland“ eingetreten und dafür „mit verbalen Schmutzkübeln übergossen worden“. Doch die Entwicklung bestätige ihn: im WM-Jahr 2006 gab es 352.000 Millionen Übernachtungen in Deutschland, diese Zahl konnte 2007 noch gesteigert werden. Dieser Trend zeigt laut Glos, „welch großartige Wirkung Fußball hat“ und deshalb wünschte sich der Minister auch heute einen Sieg in Wien, der internationales Ansehen – und Touristenströme – noch steigern werde.
Besondere Freude für Thüringer: Rennsteig ist zertifiziert
Die deutsche Einheit sei durch den guten Kontakt der Wandervereine positiv beeinflusst worden: „Es ist besser, gemeinsam zu wandern als gegeneinander zu marschieren“. Nach seiner Rede übergab Michael Glos den Thüringer Offiziellen das Zertifikat des Projektes „Wanderbares Deutschland“ für den beliebten und traditionsreichen „Rennsteig“ in Thüringen, der als qualifizierte Route heute das Prädikat bis 2010 erhielt.
Gratulation und Dank überbrachte die Thüringer Sozial- und Familienministerin Christine Lieberknecht. Sie sei froh, dass viele Thüringer Vereine 1883 an der Gründung beteiligt gewesen seien. In der langen Zeit habe es – analog zur deutschen Historie – für den Wanderverband viele Höhen und Tiefen gegeben, doch immer hätten prägende Persönlichkeiten und tausende von Ehrenamtlichen für eine Zukunft und die Einbeziehung des Nachwuchses gesorgt.
Für die Thüringer Wanderfreunde sei die Zertifikation des Rennsteigs als einem der bekanntesten Wanderwege in Deutschland natürlich der Höhepunkt des 108. Wandertages. Anerkennung sprach die Ministerin für die „Fuldaer Erklärung“ aus und hoffte, dass damit ein Impuls für stärkere Anerkennung der ehrenamtlichen Dienste ausgehe. Lieberknecht dankte ausdrücklich dem Rhönklub für die schwierige Vorbereitung des Wandertages und vor allem für das große Engagement für das Erstarken des Wanderwesens in Thüringen nach der Wende. „Wenn morgen der einst heißeste Punkt des Kalten Krieges, Point Alpha, friedlich und fröhlich von tausenden Wanderern besetzt wird, welch ein Zeichen ist das“.
Banzer: "Haben dem Wandern viel zu verdanken"
“Als ich herkam, habe ich nur fröhliche Gesichter gesehen. Das ist die Typik der Wanderer: ihre Bereitschaft, mit allen Sinnen zu genießen, ihre Freude an der Natur weiterzugeben,“ lobte der Hessische Kultus- und Justizminister Jürgen Banzer in seinem Grußwort. Nicht viele Vereine hätten 125 Jahre bestanden und seien „so aktiv, so voller Strahlkraft“. Die „Idee des Wanderns“, ein Anspruch der den Menschen ganzheitlich erfasse, sei und bleibe immer aktuell, auch wenn manche Leute meinten, dass „spannendere oder schrillere Events“ nötig wären.
Fulda habe erlebt, dass Wandern buchstäblich „Räume öffnen“ könne und heute in Hessen, Bayern und Thüringen uneingeschränkt wandern zu können, sei „ein Geschenk, das jeden Tag auf’s Neue freut“. Minister Banzer dankte ausdrücklich den Ehrenamtlern für ihren Einsatz, den 20.000 Wegewarten ebenso wie denen, die 110.000 Wanderungen jährlich organisierten und über 2,5 Millionen Arbeitsstunden freiwillig und unentgeltlich ableisteten. „Wir haben dem Wandern viel zu verdanken und ich freue mich, dass die Wanderbewegung ewig jung bleibt“, erklärte Banzer abschließend.
Rauchfuß: "Freies Betretungsrecht muss erhalten werden"
Zu Beginn des Festaktes hatte der Präsident des Deutschen Wanderverbandes, Dr. Hans-Ulrich Rauchfuß, die Ehrengäste namentlich begrüßt und vor allem dem Ehrenpräsidenten Karl Schneider gedankt. Rauchfuß wies einmal mehr auf die Erfolge des Verbandes für Wanderwesen, Natuschutz und Kulturpflege hin. Er richtete auch eine Bitte an alle Politiker in Bund und Ländern: „Erhalten Sie das freie Betretungsrecht in Wald und Flur“.
Fuldas Oberbürgermeister Gerhard Möller nutzte erneut die Gelegenheit, die Verbundenheit der Stadt Fulda und der ganzen Rhönregion mit dem Wanderverband und den Deutschen Wandertagen zu erklären. Fulda sei von Auswärtigen als „Ort voller Lebenslust und Optimismus“ beurteilt worden und er hoffe, dass die Wandertagsbesucher vergleichbare Erfahrungen machten.
Möller: "Notieren Sie im Kalender den Juni 2033"
Zu den bereits zahlreichen positiven Prädikaten könne zweifellos auch „Wandertagsstadt“ hinzukommen, nachdem nicht nur die Gründung des Wanderverbandes, sondern auch die jeweiligen Jubiläumswandertage in Vierteljahrhundertschritten (25., 50., 75. und 100. Bestehen) hier stattfanden.
Der Wanderverband sei seinen Gründungszielen >Wandern fördern, Natur schützen, Kulturgut erhalten< treu geblieben. OB Möller bat das – sichtlich amüsierte – Publikum abschließend, „sich schon mal den Juni 2033 im Terminkalender vorzumerken – für den Wandertag zum 150-jährigen Jubiläum“.
(Gabriele Weigand-Angelstein) +++ |