08.10.10 - FULDA

"Dem Vergessen entrissen" - Gedenkstätte mit Namen 252 deportierter Juden

In vielen europäischen Städten erinnern so genannte "Stolpersteine" an die frühere Existenz jüdischer Mitbürger. Durch die seit vielen Jahren andauernde Initiative des Künstlers Gunter Demnig wurden schon über 25.000 Stolpersteine mit Messingplatten und den Namen der Juden eingelassen, die vor ihrer Deportierung und Ermordung mitten in den Ortschaften wohnten.

Die Stadt Fulda will offenbar einen anderen Weg gehen und hat am gestrigen Donnerstagnachmittag in einer kleinen Feierstunde eine Art "Wand der Erinnerung" auf dem Platz enthüllt, auf dem früher bis 1938 die Synagoge der Fuldaer Juden stand. Es handelt sich um schwarze "Granit-Tröge", an deren Außenseite Metallbänder mit den Namen der deportierten Fuldaer Juden angebracht sind. Es waren sechs Schüler der Fuldaer Winfriedschule, die bei der Feierstunde die Namen der 252 in Todeslager der Nationalsozialisten deportierten Juden verlasen. Für Oberbürgermeister Möller (CDU) war es wichtig, die Menschen aus ihrer Anonymität hervorzuholen und durch deren Namensnennung "konkret werden zu lassen". Es sei ein Antrag der Grünen gewesen, der die Schaffung dieser Gedenkstätte ausgelöst hätte.

Dass Fulda in der jüdischen Welt "etwas Besonderes" gewesen sei, betonte auch der gebürtige Fuldaer und Vorsitzende des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Hessen, Moritz Neumann. Weit über Deutschland hinaus sei Fulda als orthodoxe Gemeinde durch ihr "kongeniales Miteinander mit der katholischen Mehrheit" bekannt gewesen. Der Platz der einstigen Synagoge sei "im kollektiven jüdischen Gedächtnis" ein sehr wichtiger Platz, weil es von der Synagoge nur noch Fotos gebe. Die Zerstörung durch den von den Nationalsozialisten organisierten Volkszorn habe 1938 gut funktioniert. Bald - so Neumann - werde niemand mehr leben, die das miterlebt habe.

Mit der Gedenkstätte hätten die Fuldaer Gremien etwas getan, um ein Stück der Erinnerung an die Menschen, die mal Fuldaer waren und umgebracht wurden nur weil sie juden waren, zurückzuholen. Man könne über die Form streiten - ob Bänder, Namensschilder oder Stolpersteine -. das sei nicht erheblich. "Wichtiger ist, dass es diese Erinnerung gibt, dass die Namen der Toten dem Vergessen entrissen werden. Die Fuldaer haben heute gleichsam grabsteine gesetzt für Menschen, die umgebracht wurden und die kein Grab haben und zu Staub verbrannt wurden. Jetzt haben sie einen Grabstein erhalten und jeder kann sich an sie erinnern - und das ist gut so" meinte Neumann wörtlich. Er hoffe, dass alte wie junge Fuldaer mal daran vorgingen, auf die Namen schauten und leise daran denken würden, dass sie vielleicht den einen oder anderen gekannt haben. "Ich bin angetan von dem Gedanken, auf diese Art und Weise zu erinnern".

Gemeinsam mit dem Vertreter der Jüdischen Kultusgemeinde Fulda, Roman Melamed, enthüllte Fuldas Oberbürgermeister Möller dann diesen "Ort des Gedenkens" mit Namens- und Hinweisschildern. Melamed und seine Stellvertreterin Bella Gusman sprachen zum Abschluss auch ein in deutsch und hebräisch gesprochenes Gebet. (ma) +++

© Osthessen-News.de Impressum