26.05.08 - FULDA

Mit dem „Zug der Erinnerung“ auf seiner letzten Etappe von Görlitz nach Auschwitz

Die letzte Etappe des „Zugs der Erinnerung“, der auch in Fulda Zwischenstation gemacht hat, begann in Görlitz und endete in Oswiecim, in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Der „Zug der Erinnerung“ beherbergt eine Ausstellung zur Deportation von Kindern und Jugendlichen in die NS-Konzentrations- und Vernichtungslager. Am 8. November 2007 – dem Jahrestag der Reichspogromnacht – nahm der Zug seine Fahrt in Frankfurt am Main auf, am 8. Mai 2008 – dem 63. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus – endete die offizielle Fahrt in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Die rollende Ausstellung war sechs Monate unterwegs, über 225.000 Menschen besichtigten die Ausstellung und Tausende von Schüler/innen und Jugendliche betätigten sich als Spurensucher/innen vor Ort: Sie knüpften Kontakte zu Zeitzeugen und Überlebenden, recherchierten in Stadtarchiven, beschäftigten sich mit den Biografien von deportierten Kindern aus ihrer Region und ergänzten die Ausstellung durch eigene Exponate.

Ca. 70 jugendliche Spurensucher – Schüler/innen und Studierende – begleiteten die rollende Ausstellung auf ihrer letzten Etappe – auf der Strecke von Görlitz nach Oswiecim. Aus Fulda fuhren zwei Studierende des Studiengangs BASIB „Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt interkulturelle Beziehungen“ mit. Olga Schapiro (22) und Moritz Krüger (25) dokumentieren im Folgenden ihre Eindrücke von der Fahrt des „Zugs der Erinnerung“.

Pappeln im Sonnenlicht

Pappeln im Sonnenlicht

erinnern sich an Dich und mich

tragen die Geschehnisse in ihrer Rinde, sodass die Erinnerung an sie in uns nie erblinde.

Denn der sie pflanzte, der lebt fort.

Entkam mit Mut, Geschick und Glück dem schrecklichsten Ort,

der Millionen Menschen

verschluckte, verbrannte

und sie als Rauch in den Himmel sandte.

Pappeln im Sonnenlicht erinnern sich.

Eine Reise in die Vergangenheit mit dem „Zug der Erinnerung“ auf den Spuren der Vernichtung der Juden Europas unterwegs nach Auschwitz.

Unsere Reise begann wider Erwarten heiter, ja fast ausgelassen in Görlitz, wo sich rund 100 junge Menschen aus ganz Deutschland trafen, um von dort aus auf den Schienen der Deportationszüge nach Auschwitz aufzubrechen.

Sicherlich hatte sich jeder der Teilnehmer intensiv mit diesem schwierigen Thema auseinandergesetzt, aber in Görlitz schien Auschwitz noch sehr weit entfernt zu sein.

Heiterkeit , Gelassenheit, sicherlich die richtigen Worte. Jedoch war es eine andere Art Heiterkeit, die hier herrschte. Sie war durchsetzt mit einer inneren Ernsthaftigkeit und dem Wissen um die Schwierigkeit der bevorstehenden Reise.

Wir kommen an.

Nach zehn Stunden Zugfahrt in Oswiecim, dem ehemaligen Vorort zur Hölle. Es ist schon fast dunkel, und wir alle sind müde von der Fahrt. Wie müssen sich damals die Juden in den Transporten gefühlt haben, wenn sie nach teilweise drei Tagen Fahrt hier ankamen? Im Wind sich bewegende Birken, Sonnenschein, blauer Himmel und das monotone Rattern des Zuges, vielleicht sind wir auch ganz glücklich endlich da zu sein.?

Komisch, aber den Tod vor sechzig Jahren riecht man hier auf dem Bahnhof noch nicht. Vielleicht ist ja das die oft herbeigesehnte Normalität, die hier endlich wieder eingekehrt ist, und auf die die Einheimischen so stolz sind?

Ich sehe die ersten Colaflaschen in den Händen meiner Mitstreiter und wundere mich, wo sie die um halb zehn abends her haben, denn die Stadt scheint wie ausgestorben. Wir sind da, du bist da, wir sind da, du bist da, hallt es in meinem Kopf und ich beschwöre schwarz-weiß Bilder herauf, um mich besser „einfühlen“ zu können.

In zwei Bussen beginnt die Erkundung jenes Ortes, zu dem jeder von uns ganz unterschiedlich lange unterwegs war. Es dämmert bereits, als unser Bus vor dem Tor Auschwitz-Birkenau vorfährt, und es wird still, ganz still, obwohl wir immer noch im Bus sitzen und diese Kulisse nur als Außenstehende betrachten.

Im nächsten Augenblick wird das Tor wieder von der Dunkelheit verschluckt, und es geht weiter, weiter durch die Nacht .Ich glaube, dass wir alle erstaunlich gut in Oœwiecim geschlafen haben, in dieser ersten Nacht vor Ort.

Auschwitz nur ein Wort.

Auschwitz – Tausende von Schicksalen

Schicksale, die hier endeten,

und nur Wenige, die einen neuen Anfang suchen durften.

Wir alle sind betroffen, betroffen von dem, was wir sehen, was wir hören, was unsere Phantasie uns flüstert, und geblendet von der Sonne, die in diesen Tagen hier scheint. Denn sie hat auch vor sechzig Jahren hier geschienen. Wir wandern auf Steinen , die durchtänkt sein müssen von Tränen und Schweiß, und jetzt stehen wir hier. Zwei jüdische Kinder geben auf der ehemaligen Judenrampe ein kleines Konzert. Die Sonne scheint, der Wind pustet durch unser Haar, wir sind hier. In Fleisch und Blut, und nicht als Rauch und Asche.

Wir stehen hier und ich glaube, uns alle eint das Gefühl, dass wir hier sind, dass sich nicht das erfüllt hat , was man sich vor sechzig Jahren an diesem Ort so sehnlichst und perfektionistisch gewünscht hat.

Wir sind hier und uns alle – egal woher und warum – eint eine tiefe menschliche Betroffenheit und ein Kummer, den man nicht in Worte fassen kann, denn er ist individuell, aber trotzdem in jedem von uns.

Den Pappeln lauschend erinnern wir uns , denn das ist das Einzige und das Größte, was wir tun können.

Erinnern, um nicht zu vergessen.

Das ist unsere Verantwortung gegenüber der Asche im See.

Den Menschen, die bis zur Asche vernichtet wurden."

(Olga Schapiro / Moritz Krüger)







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