21.02.07 - LEUTE

"So zierlich wie kämpferisch" - ein Porträt von Linde WEILAND

Wenn die jüdische Gemeinde in Fulda am kommenden Sonntag, dem 25. Februar einen neuen Vorstand wählt, will sich die jahrzehntelange Vorsitzende Linde Weiland nach eigenem Bekunden auch aus Gesundheitsgründen nicht mehr zur Wahl stellen. „Nach über 40 Operationen muss ich einfach kürzer treten“, sagt sie eher beiläufig zur Begründung. „Jetzt muss ein junger Vorstand an die Arbeit gehen und sich um die jungen Gemeindemitglieder kümmern“, beschreibt sie das Aufgabengebiet für ihre Nachfolger.

Für die meisten Fuldaer ist die jüdische Gemeinde ohne die ebenso zierliche wie lebhafte 56-Jährige gar nicht vorstellbar. Hat sie doch in mehr als tausend Führungen, Vorträgen und Volkshochschulkursen ihr Wissen über das Judentum – „das Jüdisch-Sein“ wie sie sagt – vermittelt. Nicht nur ihr phänomenales Wissen und die Fähigkeit, komplexe historische Zusammenhänge anschaulich zu erklären, haben sie für ihre Aufgabe prädestiniert. Legendär ist Linde Weilands Musikalität und ihre schöne Stimme, mit der sie mühelos große Säle füllt und Menschen zu Tränen rührt.

Nicht nur Christen, Muslimen und Atheisten hat sie ihre Kenntnisse über jüdische Tradition weitergegeben, sondern paradoxerweise auch vielen Juden, die aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen, wo sie ihre Religion nie praktizieren durften. „Ich habe mich bei meiner Arbeit ganz bewusst auf diese älteren Mitglieder in der Gemeinde konzentriert, die eigentlich nur auf dem Papier Juden waren und es – auch wegen der Sprache – doppelt schwer hatten, hier wirklich anzukommen.“ Deren Integration habe ihr ganz besonders am Herzen gelegen. Gerade deshalb habe sie - die Sprachbegabte - es strikt abgelehnt, russisch zu lernen. „Dann hätten sie nicht so schnell Deutsch gelernt“.

Es sei eine faszinierende Aufgabe gewesen, den Neuankömmlingen die eigene Kultur und Religion nahe zu bringen. Zuerst seien die meisten von ihnen schüchtern und zurückhaltend gewesen, hätten sich kaum zu fragen gewagt. Das habe sich zum Glück mittlerweile geändert – sie seien zu einer richtigen Familie zusammengewachsen „Und sie sind alle grimmig entschlossen, aktive Mitglieder dieser Gesellschaft zu werden“, ist sie überzeugt.

"Das Ergebnis der Wiedersehensfreude ...."

Linde Weiland ist im DP-Lager (für von den Alliierten aus den Konzentrationslagern befreite „displaces persons“) bei Hamburg-Neuengamme geboren. „Ich bin das Ergebnis der Wiedersehensfreude eigentlich viel zu alter Eltern“, sagt sie. In Köln hat sie Germanistik, Judaistik und Geschichte studiert („letzteres mit Leidenschaft“) und dort ihren Mann kennen gelernt. „Zur Promotion bin ich nicht gekommen, weil ich schwanger wurde“. Als die Familie 1984 nach Fulda kam, wo ihr Mann seither als Arzt praktiziert, schaute sie im Telefonbuch nach der Adresse der jüdischen Gemeinde – die zu dieser Zeit gerade mal eine Handvoll Mitglieder hatte. Dass es einmal wieder mehr als 500 sein würden, konnte sich damals niemand vorstellen.

Um 1900 war die jüdische Gemeinde in Fulda durch die Zuwanderung orthodoxer Juden aus dem Osten auf rund tausend Mitglieder gewachsen und baute damals das Haus, das heute das Kulturzentrum beherbergt, als Volkschule mit zwei Klassen, einer kleinen Lehrerwohnung und einem jüdischen Kindergarten. Während der Nazizeit wurde die komplette Gemeinde ausgelöscht, die Mitglieder vertrieben oder ermordet. In der Reichspogromnacht 1938 wurde auch die Fuldaer Synagoge am Stockhaus zerstört, die jüdische Schule verwüstet. Nach dem Krieg richteten die Amerikaner dort ein DP-Büro ein, später stand das Gebäude leer. Als im Mai 1987 das Jüdische Kulturzentrum als "Stätte des Gebetes und Gedenkens" feierlich übergeben wurde, sprach Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Hamberger von einem "Pflänzchen jüdischen Lebens, das damit in Fulda neu gepflanzt ist."

"Wie die Kuh zum Trainingsanzug"

Seit 1988 leitet Linde Weiland das Jüdische Kulturzentrum. Auf die Frage, wie sie zu dieser Aufgabe gekommen ist, sagt sie achselzuckend: „Wie die Kuh zum Trainingsanzug.“ Tatsächlich sprachen ihre fundierten Kenntnisse – auch des Hebräischen – einfach alles für – und nichts gegen sie. Sie hat der Gemeinde und dem Kulturzentrum ihr Bestes gegeben und es mitten in Fulda verankert. Bei den Veranstaltungen, den jüdischen Festtagen und auch bei den Gottesdiensten sind Gäste – ob Juden oder Nicht-Juden – immer herzlich willkommen „Wir haben hier ein offenes Haus, - das ist meine Schuld“, sagt sie dazu.

Eine heile Welt? Der hohe Metallzaun um das Gelände, der auf Anordnung des hessischen Innenministeriums errichtet werden musste und die regelmäßigen Polizeistreifen sprechen für sich. Ein junger Reporter habe sie vor kurzem ungläubig gefragt, ob es denn tatsächlich noch Antisemiten gebe. Linde Weiland ist verwundert über soviel Naivität. Judenhasser gibt es - immer noch und schon wieder. Dabei sagt sie, eine offen gezeigte Feindseligkeit sei ihr immer noch lieber als falsche Freundlichkeit, damit könne sie sich besser auseinandersetzen.

"Stolze Deutsche und stolze Jüdin"

Nach der unseligen Tätervolkrede des danach aus der CDU ausgeschlossenen Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann sah sich die jüdische Gemeinde - und Linde Weiland persönlich – anonymen Bedrohungen übelster Art ausgesetzt. Dabei hatte sie Hohmann selber vor dem Vorwurf, er sei Antisemit, in Schutz genommen. Schlimm fand sie dessen Auseinanderdividieren von Deutschen hier und Juden da. Linde Weiland fragt: „Wann darf ich, die ich den Stammbaum meiner Familie in Deutschland bis ins Jahr 1390 zurückverfolgen kann, mich eigentlich Hohmanns Meinung nach deutsch nennen?“ Sie selbst fühle sich als stolze Deutsche u n d als stolze Jüdin.

Hoffen auf einen Synagogen-Neubau

"Noch ist es ein Traum?" steht auf einem Faltblatt, das seit Jahren von der Jüdischen Gemeinde Fulda verteilt und darin erklärt wird, warum Fulda eine neue Synagoge braucht und welche unterschiedlichen Zwecke ein solches Bethaus erfüllt. In den vergangenen Jahren kamen bisher rund 120.000 Euro durch mehrere Großspenden, aber ebenso unzählige kleine Spenden zusammen. Die Jüdische Gemeinde von Fulda brauchte mindestens 300.000 Euro als Eigenanteil. Der geplante Synagogen-Neubau soll ein Zweckbau werden für das Wort, für den Unterricht, als Bethaus, Lehrhaus und Treffpunkt mit einem Gemeinschaftsraum. Dies ist auch dringend notwendig, denn der jetzige Gebetsraum hat nur über 48 Plätze, doch die Jüdische Gemeinde Fulda umfasst inzwischen über 500 erkannte Mitglieder und betreut fast 1.200 Personen in deren Familien.

Linde Weiland weiß, dass bereits mindestens drei Viertel der Fuldaer Bevölkerung einmal Gast im Jüdischen Kulturzentrum war. Und sie hat mit Blick auf das Projekt "Synagogen-Neubau" - der ihrer Überzeugung nach "bestimmt in den nächsten acht bis zehn Jahren kommt" - einen großen Wunsch: das dieses jüdische Bethaus ein "ganz natürlicher Teil von Fulda wird" und die Menschen einmal von "unserer Synagoge" genauso sprechen wie sie dies bereits von "unserem Dom" oder "unserem Stadtschloss" tuen.

"Die jüdische Gemeinde nach innen gefestigt"

Fuldas Oberbürgermeister Gerhard Möller, von "Osthessen-News" nach seiner Einschätzung und Würdigung der Arbeit von Linde Weiland gefragt, ließ wörtlich erklären: "Sie hat sich um den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde Fulda außerordentlich verdient gemacht. Sie hat die jüdische Gemeinde nach innen gefestigt und nach außen überzeugend vertreten. Mit viel Herz und Kraft engagiert sie sich in und für Fulda“

Die solchermaßen Gelobte will auch in Zukunft viele Aufgaben zum Wohl der jüdischen Gemeinde in Fulda wahrnehmen – und den neuen Vorstand nach Kräften unterstützen. „Ich wünsche ihnen, dass sie von Seiten der Fuldaer Bürger all die Hilfsbereitschaft und Unterstützung erfahren, die wir bisher erfahren durften“, sagt sie. Ihr ist wichtig zu betonen, dass sie hier viel mehr positive Reaktionen und Zuwendung erfahren hat als negative. Linde Weiland hatte und hat für ungemein viele Menschen eine Schlüsselfunktion zum besseren Verstehen und einem guten Miteinander. „Wenn das Feld mit Wissen befruchtet ist, kann kein Unkraut mehr wachsen“, sagt sie. (Carla Ihle-Becker) +++

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