Eine Zeichnung aus ganz frühen Schülerjahren...

11.11.05 - Kleinsassen

"Technische Begabung und Kreativität" - eindrucksvolle ZUSE-Ausstellung

Als Computerpionier und Schöpfer der ersten programmgesteuerten Rechenmaschine der Welt genießt der vor zehn Jahren in Hünfeld verstorbene Professor Konrad Zuse weltweite Bekanntheit. Viel weniger bekannt ist dagegen, dass Zuse auch Kunstmaler war. Wenig weiß man jedoch im allgemeinen über seine ausgeprägte künstlerische Veranlagung und Neigung. Dieser Facette des Lebenswerkes der Erfinderpersönlichkeit, die von 1957 bis 1995 in Hünfeld lebte, ist eine Ausstellung in der Kunststation Kleinsassen (Kreis Fulda) gewidmet, die noch bis zum 8. Januar zu sehen ist. Diese Ausstellung bietet einen bisher nie gezeigten Überblick über sein künstlerisches Schaffen mit vielen Werken, die aus Privatsammlungen stammen und deshalb der Öffentlichkeit bislang nicht zugänglich waren. Besonders interessant ist für den Betrachter dieser Kunstausstellung mit einem Besuch des Konrad-Zuse-Museums im Stadt- und Kreisgeschichtlichen Museum in Hünfeld zu verbinden, um die Komplexität und Vielseitigkeit der Persönlichkeit zu erleben.

Unter dem Titel "Konrad Zuse – Kontrapunkte und Visionen" werden Karikaturen und Aquarelle aus seiner Gymnasialzeit in Hoyerswerda und Reklamezeichnungen aus seiner Studentenzeit präsentiert, während der er noch von einer Karriere als Werbegraphiker träumte. Die Kunstausstellung gibt einen breiten Überblick über das umfangreiche künstlerische Schaffen Zuses, das schon sehr früh begann. Schon in Jugendjahren beschäftigte er sich mit Grafik und Karikatur. So liegen aus seiner Gymnasialzeit in Hoyerswerda eine Reihe von Karikaturen vor, bei denen er mit wenigen Strichen das Wesentliche erfasste. Mit seiner Beobachtungsgabe setzte er die Komik von Situationen des Alltagslebens um. Aus dieser Zeit gibt es auch erste Aquarelle mit Motiven der Lausitzer Landschaften. Zuse war immer dann künstlerisch besonders produktiv, wenn ihm neben seiner beruflichen Tätigkeit genügend Zeit für kreatives Arbeiten blieb.

Von 1945 bis 1947 schuf Zuse in Hinterstein im Allgäu, wohin er zu Kriegsende geflüchtet war, viele Holzschnitte. Erst recht spät entdeckte er seine Liebe zur Ölmalerei. Als Ingenieur faszinierten ihn vornehmlich technische, insbesondere architektonische Motive. Auch abstrakte Farbkompositionen und landschaftsbezogene Darstellungen reizten ihn. Erwähnenswert sind daneben ebenfalls seine Portraitzeichnungen, unter denen sich beispielsweise auch die „Galerie der Computerpioniere“ befindet.

Neben Zuses Bildern und Graphiken, die allesamt der Phantasie des künstlerischen Autodidakten entsprangen und sich bewusst nicht an Objekten der Außenwelt orientierten, soll in der Kleinsassener Ausstellung auch der künstlerisch-architektonische Aspekt seines Schaffens im technischen Bereich beleuchtet werden. So verkörpert der erste von ihm geschaffene, rein mechanisch arbeitende Rechner Z 1 ein Wunderwerk der Computerarchitektur. Eindrucksvolle Farbaufnahmen gewähren einen Einblick in dessen komplexe Struktur.

Es entstanden abstrakte und gegenständliche Gemälde mit optimistischen, kräftigen Farbtönen, die teilweise surreale Züge haben. Zu seinen bevorzugten Motiven gehörten Stadtarchitekturen in Verbindung mit floralen Motiven und ausdruckstarke durch gotische Formgebungen geprägte Gebäudekompositionen sowie Brücken. Zwischen dem künstlerischen Wirken und seiner wissenschaftlich technischen Arbeit finden sich Brücken durch den besonderen ästhetischen Anspruch, den Zuse auch bei der Architektur seiner Rechenanlagen verwirklichte.

1941 stellte er mit der Z 3 in Berlin den ersten programmgesteuerten Rechner vor. Durch die Wirren des Krieges gelangte er 1945 nach Hinterstein im Allgäu. Er nutzte die Muse in dem herrlich gelegenen Alpental und fertigte viele Holzschnitte von Landschaftsmotiven an. 1949 gründete er in Neukirchen bei Hünfeld die erste kommerzielle Computerfirma der Welt, die er bis Mitte der 60er Jahre führte. In den letzten Jahren seiner unternehmerischen Tätigkeit entdeckte er seine Liebe zur Ölmalerei, die ihn bis zu seinem Tod 1995 in Hünfeld nicht mehr losließ.

Schon 1945 schrieb Zuse in seinen Tagebuchaufzeichnungen, dass der Computer selbst einmal zeichnen würde. Zuse gelang es 1962 mit der Entwicklung des Zusegraphomaten, diese technische Vision in die Realität umzusetzen.

Mit Hilfe seiner Erfindungen konnte Konrad Zuse seinerzeit auch ein drängendes Problem der Modeindustrie lösen. Zu Beginn der 60er Jahre wurde es für die Textilbetriebe zunehmend schwieriger, den vielfältigen Wünschen der Kunden zu genügen. Die auf dem Reißbrett entworfenen Teile eines Bekleidungsstückes mussten in einem schwierigen und arbeitsaufwendigen Prozess von geschultem Fachpersonal auf die verschiedenen Größen und modischen Besonderheiten umgezeichnet werden.

Man nennt diesen Vorgang „Gradieren“. In Zusammenarbeit mit der Firma Neckermann gelang es der Firma Zuse, die Schnittmusterdaten umzurechnen und mit Hilfe des von Konrad Zuse entwickelten Zeichengerätes, dem Graphomaten, die Zeichnungen als Vorlagen für die Textilfertigung auszudrucken. In der Ausstellung wird dieser Vorgang in seinen detaillierten Abläufen dargestellt und ergänzt so den Gesamteindruck der Schau, die beweist, dass technische Begabung und Kreativität bei Konrad Zuse Hand in Hand gehen.

Prof. Zuse starb vor knapp zehn Jahren und ist in Hünfeld (Kreis Fulda) begraben. Dort gibt es auch zahlreiche Plätze der Erinnerungen (Schule, Straßen und Museum), die nach ihm benannt sind. Kuratiert und betreut wird die Ausstellung vom Leiter des Konrad Zuse Museums Hünfeld, Dr. Wilhelm Mons, der auch stellvertretender Vorsitzender der Konrad Zuse Gesellschaft Leiter ist und dem Leiter der Galerie Junger Kunstkreis in Hünfeld, Elmar Hegmann.

Parallelität zwischen Künstler und Ingenieur

Peter Ballmaier, Leiter der Kunststation freute sich über die große Aufmerksamkeit und Resonanz, die diese dem Hünfelder Ehrenbürger gewidmete Sonderausstellung schon im Vorfeld erfahren habe. Er dankte besonders Dr. Wilhelm Mons, dem Leiter des Konrad Zuse Museums im Hünfelder Stadt- und Kreisgeschichtlichen Museum und Hans-Jürgen Lassek für die Vorbereitung der Ausstellung.

Hünfelds Bürgermeister Dr. Fennel sprach von einer großen Verantwortung, das Lebenswerk dieses bedeutenden „Sohnes unseres Landes“ einer breiten Öffentlichkeit zu verdeutlichen. Er freue sich, dass dies in enger Zusammenarbeit zwischen dem Hünfelder Museum und der Kunststation in Kleinsassen geschehe. In Zukunft werde es angesichts knapper Kassen immer wichtiger sein, solche Kooperationen zu pflegen, um auch weiterhin Qualität bieten zu können. Die Stadt Hünfeld, die Stadtwerke Hünfeld und er persönlich hätten gerne dafür Bilder zur Verfügung gestellt.

Professor Dr. Roland Vollmar, Vorsitzender der Konrad Zuse Gesellschaft würdigte die Ausstellung als wichtiger Beitrag dazu, die „andere Seite“ der bedeutenden weltweit anerkannten Erfinderpersönlichkeit ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Er sei sicher, dass Zuse nur deshalb zu solchen epochalen wissenschaftlichen Leistungen in der Lage gewesen sei, weil er sich auch mit Kunst beschäftigt habe. Dieser künstlerische und ästhetische Anspruch findet sich nach Meinung von Dr. Horst Zuse, Sohn des Computerpioniers auch in der Architektur seiner Maschinen wieder. Soweit hätten Technik und Kunst für seinen Vater nie Gegensätze dargestellt. Es sei verbürgt, dass er schon 1945 erkannt habe, dass Computer in Zukunft auch Zeichnen würden. Dieser Vision habe er selbst mit seinem Zuse-Graphomaten 1962 zur Realität geführt.

Auch für Elmar Hegmann, Vorsitzender des Jungen Kunstkreises Hünfeld besteht kein Widerspruch zwischen der wissenschaftlich-technischen und der künstlerischen Begabung Zuses. Der Computerpionier gehörte von 1970 bis zu seinem Tod dem Jungen Kunstkreis Hünfeld an. Immerhin habe Zuse mehr als ein Jahr intensiv mit sich gerungen, sagte Hegmann, ob er nun eine Laufbahn als Bauingenieur oder als Gebrauchsgrafiker und Reklamezeichner anstreben solle. Die Ausstellung zeige deutlich, welche Qualitäten Zuse noch als Reklamezeichner damals schon an den Tag gelegt habe. Ihm sei es gelungen, mit wenigen Strichen das Wesentliche zu erfassen. Weder für die Informatik noch für die Kunst habe der studierte Bauingenieur eine Ausbildung besessen. Auf beiden Feldern habe er aber Ungewöhnliches geleistet.

Kennzeichnend für Zuse sind nach Einschätzung von Hegmann die optimistische und positive Farbauswahl mit fast surrealistischen Zügen und die Beschäftigung mit emotional berührenden Fragen. So habe er die Geburt seines ersten Kindes nicht mit einem Fotoapparat sondern mit Zeichnungen und Bildern festgehalten. Zuse habe einen unverwechselbaren eigenen Stil entwickelt.

Zum 10. Todestag von Konrad Zuse am Sonntag, 18. Dezember, gibt es um 11.30 Uhr auf dem neuen Hünfelder Friedhof am Grab des Computerpioniers eine Gedenkfeier. Um 15 Uhr treffen sich dann die Teilnehmer in der Feier in der Kunststation Kleinsassen zu einer Führung durch die Ausstellung. Die Kunstausstellung in Kleinsassen ist täglich außer montags von 13 bis 18 Uhr geöffnet, das Hünfelder Museum dienstags, mittwochs, samstags und sonntags von 15 bis 17 Uhr. +++


"Computervater" Prof. Konrad Zuse....


Der Sohn des Erfinders und Malers, Prof. Horst Zuse,

bei der Ausstellungseröffnung in Kleinsassen....


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