26.05.05 - Fulda

"Barockstadt jetzt begreifbar" - Rotarier stifteten "Meeting-Point"

Erst seit 24 Stunden gibt es in Fulda im Herzen der Barockstadt einen neuen "Anlaufpunkt" und schon ist hundertfach die gleiche Szene zu beobachten: Menschen bleiben stehen, schauen, umrunden etwas, beugen sich herunter und tasten. Das Objekt des Interesses bei Einheimischen und Touristen ist der neue "Meeting-Point" vor dem barocken Palais Buttlar, in Sichtweite des Tourismusbüros der Stadt. Der Ideenreichtum, die Organisationskraft und die Spendenbereitschaft der Mitglieder der beiden Service-Clubs Rotary Fulda und Rotary Fulda-Paulustor ermöglichten es, dass erstmals ein Teil der Stadt Fulda im Wortsinn "begreifbar" wird.

Auf einem Kalksteinsockel steht ein naturgetreues Modell aus Bronzeguss: auf 1,7 Quadratmetern Fläche im Maßstab 1 zu 350 können Sehenswürdigkeiten, Häuser, Straßen und Bäume abgetastet werden: "Fulda zum Fühlen". Die sozialen Prinzipien der Rotary-Vereinigung unterstreicht auch die Ausführung aller Beschrifungen in der tastbaren Blindenschrift, die auch Blinden und Sehbehinderten Zugang zu einem plastischen Eindruck von Fulda verschafft.

Zur Enthüllung fast ein "Club-Treffen" mit vielen Gästen

An der Feier zur Enthüllung des neuen "Meeting-Points" bei strahlendem Sonnenschein nahmen zahlreiche Ehrengäste teil. Der Präsident des Rotary-Clubs Fulda-Paulustor Ernst Neidhardt begrüßte - gemeinsam mit dem Präsidenten des Rotary-Clubs Fulda, Professor Dr. Hans-Dieter Langohr - unter anderem das "Magistrats-Trio" Oberbürgermeister Gerhard Möller, Bürgermeister Dr. Wolfgang Dippel und Stadtbaurätin Cornelia Zuschke, die Vertreter aller Stadtverordnetenfraktionen und Ausschuss-Vorsitzende.

Gekommen war auch alle Frauen und Männer, die im Projektteam zusammen gearbeitet hatten, Mitglieder beider Rotary-Clubs (RC) sowie die Präsidenten Charlotte Nüdling vom RC-Rhön, Karl Hottenrott vom RC-Eisenach und Maximilian Traut vom Jugendclub Rotaract. Besondere Ehrengäste waren der "Hessenvorsitzende" der 60 Rotary-Clubs mit über 3.200 Mitgliedern, der Governor-Elect des Distrikts 1820, Professor Dr. Gustav-Georg Belz (Wiesbaden) mit seinem Assistant-Governor Dr. Klaus Sorg (Fulda).

Dank für eine "Stadt zum begreifen"

"Eine Stadt zum begreifen" nannte OB Möller, der selbst Rotarier ist, in seiner kurzen Ansprache das Stadtmodell an der "Schnittstelle" zwischen Stiftsbezirk und Bürgerstadt. Er dankte für das "großzügige Geschenk" der rotarischen Freunde an die Stadt und die gesamte Bürgerschaft und betonte, das Projekt mache auch sichtbar, "..dass wir in guten und großen Zeiten leben". Auch die Gestaltung, "...so dass Fulda aus dem Kalkstein hervorwächst", lobte Möller als besonders gelungen. Die beiden Rotarier, der evangelische Dekan des Kirchenkreises Fulda Bengt Seeberg und der katholische Dompfarrer Peter Hauser vollzogen die kirchliche Weihe des "Meeting-Point".

Das bronzefarbene Modell zum Sehen und Anfassen verdanken die Fuldaer ein wenig dem 100-jährigen Jubiläum, dass die sozial-kulturelle Vereinigung "Rotary-International" im Jahr 2005 feiert. Rotary-Präsident Neidhardt erläuterte, zum 100-jährigen sei an die Clubdistrikte eine Losung ausgegeben worden: zum "Centennial" sollten sichtbare und bleibende Zeichen für die Philosophie und Ziele der Rotarier gesetzt werden - zu Völkerverständigung, beruflicher Verantwortung, sozialem Engagement, kulturellen Initiativen oder Hilfsbereitschaft im Dienst der Humanität.

6 Monate intensiver Arbeit für "Vogelperspektive" und "Fingerkuppen-Spaziergang"

Die beiden Fuldaer Clubs - die insgesamt rund 100 Mitglieder haben - erinnerten sich an einen Besuch im westfälischen Münster, wo sie etwas Ähnliches sahen und kreierten für Fulda die nachhaltige Idee, die gleich mehrere dieser Zielvorgaben einschloss: ein topografisches Stadtmodell, das Gästen wie Einheimischen, Sehenden wie Blinden eine Orientierung und Überblick "wie aus der Vogelperspektive" ermöglicht.

Die Idee mündete in ein Projekt, das ingesamt 6 Monate Vorbereitungen, viele Recherchen, Sichtung historischer Bauzeichnungen, Diskussionen und Entwürfe erforderte. Zu den umfangreichen Überlegungen zählte etwa, ob es eine künstlerische oder naturgetreue Darstellung geben soll, wie Empfinden und Wahrnehmung für Blinde sind, wenn man "auf Fingerkuppen durch die Stadt spaziert", welcher "Ausschnitt" der Stadt gewählt wird, wie groß der Maßstab sein soll.

Fuldaer Dom in 17-Zentimeter-Größe

Alle Fragen wurden in enger Abstimmung vom Projektteam gelöst. "Die authentische, plastische Umsetzung im Maßstab 1:350 ist groß genug, um alle notwendigen Details erlebbar zu machen und klein genug, um es im Wortsinn zu begreifen", erläuterte Ernst Neidhardt. Das Stadtmodell gibt den aktuellen Zustand des Stadtbildes zum Beginn des 21. Jahrhunderts wieder und zeigt einen Ausschnitt des Stiftsbezirks, den Schlossbereich und einen Teil der Bürgerstadt auf einer Fläche von 160 mal 120 Zentimetern in unregelmäßiger Sechseckform und mit einem maßstabgsgemäßen Höhenunterschied - der hier allerdings nur 10 Zentimeter beträgt. Der Dom ist mit 17 Zentimetern das "höchste Gebäude".

Zunächst entstand ein eigens gebautes Modell. Die Landschaft aus geschichteten Dämmstoffplatten und Epoxydharz, die Gebäude aus Kunststoffblockmaterial mit ausgefrästen Fassadenstrukturen gefertigt. Davon wurde eine Silikon-Kautschukabformung genommen und in dem so genannten Wachsausschmelzverfahren mit 1200 Grad Celsius von einer Kunstgießerei der Bronzeguss erstellt. Der Herstellungspreis - ohne die Eigenleistung von Rotariern - betrug 38.450 Euro und wurde von beiden Clubs gestiftet.

Das Projektteam

Zum Projektteam gehörten: Ernst Neidhardt, Inhaber der Werbeagentur creart und Präsident 2004/05 Rotary-Club Fulda Paulustor, Manfred Reith vom Architekturbüro Reith+Wehner, RC Fulda-Paulustor, Andreas Staubach vom Architekturbüro Staubach+Partner, RC-Fulda, Dr. Werner Kirchhoff, Kulturamtsleiter der Stadt Fulda, Irene Kersting, Vorsitzende des Blindenbundes Fulda, Günter Gerden vom Caritas - Taubblindenheim Hilders-Steinbach, Manfred Fuchs von der Braille Druckerei der Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA) Marburg, Burkard Hauck von Modellbau Hauck aus Hassfurt, die Kunstgiesserei Bernd L. Bieber aus Bischoffen und die Firma Hartmann+Sohn, Ntursteine aus Künzell. +++

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