Osthessen-News

"Stolz, ein Rhöner zu sein" - Mr. Biosphärenreservat Heinrich HESS geht

20.04.06 - Region - Wenn am kommenden Dienstag (25. April) im Groenhoff-Haus auf der Wasserkuppe eher leise und in kleinem Kreise Abschied gefeiert wird, dann geht für die Rhöner Region eine "denkwürdige Ära" zu Ende: Heinrich Heß (65) geht in den Ruhestand - und man wird ihn schon jetzt vermissen. "Mister Biosphärenreservat" räumt nach zehn Dienstjahren auf Hessens höchstem Berg seinen Schreibtisch. Und in seinem Gesicht ist "Zufriedenheit" zu entdecken, denn es war ein lebhaftes Jahrzehnt mit vielen Hochs und Tiefs - und immer standen Menschen und Natur im Mittelpunkt. Es war ihm wichtig zu vermitteln, dass das von der UNESCO ausgerufene "Biosphärenreservat Rhön" eben kein "Indianerreservat" ist, in dem es strenge Auflagen gibt.

Heinrich Heß - geboren in Aua bei Bad Hersfeld - hat wesentlichen Anteil daran, dass die Rhön über Ländergrenzen hinweg eine typische und erhaltenswerte Kulturlandschaft geblieben ist, in der Menschen leben und bei aller Arten- und Biotopvielfalt auch wirtschaften. Und was ihn bestimmt am meisten freut ist die Tatsache, dass die Rhön inzwischen unter den 17 deutschen Biosphärenreservaten zum Vorzeigeobjekt geworden ist, das ständig von internationalen Gästen besucht wird. Legendär ist inzwischen die "Rückkehr des Rhönschafes", die Region wird als "Qualitätslandschaft" hochgelobt und auch die Menschen haben gelernt, den "Schatz vor der Haustür" richtig einzustufen.

Vor Jahrzehnten wurde die "Rhön" mit "Arme-Leute-Land" gleichgesetzt, heute ist diese Mittelgebirgslandschaft mit sauberer Luft und ökologischen Produkten zum Vorzeigeobjekt geworden. Vieles haben die "Rhöner" selbst aus eigener Kraft geschaffen und so entwickelt, aber Heinrich Heß und die hessische Verwaltungsstelle des Biosphärenreservates Rhön haben auch ein gerüttelt Maß Anteil an diesem Erfolg. Nicht zu vergessen der Verein "Natur- und Lebensraum Rhön", ein "Trendsetter der Regionalentwicklung", dessen Geschäftsführer er seit 1996 ist.

Die Redaktion von "Osthessen-News" hat mit Heinrich Heß ein langes Gespräch geführt, er ist ein "wandelndes Geschichts- und Geschichtenbuch". Es fällt schwer, seine vielen Gedanken zu ordnen und es bleibt zu hoffen, dass diese als eine Art Vermächtnis auch auf die Arbeit nachfolgender Fachleute noch Einfluss haben. Deshalb im folgenden wörtliche Gedanken und Äußerungen von Heinrich Heß, die es auch leicht machen, den Mann zu verstehen, der sich heute als "Rhöner mit ganzem Herzen" selbst beschreibt.


Schutz durch Nutzung

"Hut ab vor den langjährigen Bemühungen des Naturschutzes zur Erhaltung von bedrohten Arten und seltenen Lebensräumen. Aber auf einer Fläche von fast 2.000 Quadratkilometern ist das durch den Naturschutz alleine nicht zu leisten. Wer könnte denn die Biomasse der Bergwiesen besser nutzen als Schafe und Rinder? Es geht darum, wirtschaftliche Kreislaufsysteme zu entwickeln und zu organisieren, die im Stande sind, die Flächen dauerhaft und naturnah zu nutzen. Dieses kann nur gelingen, wenn für die heimische Landwirtschaft auch langfristige, wirtschaftliche Rahmenbedingungen zum Überleben geschaffen werden. Nur ein Bündnis von Landwirtschaft, Naturschutz, Tourismus und heimischem Gewerbe kann die Grundlage sein, um diese schwierige Aufgabe zu meistern."


Naturschutzverbände und Landwirtschaft - Partner zum Wohle der Rhön

"Die UNESCO fordert verbindlich für Biosphärenreservate eine Zonierung. Danach müssen mindestens 3% der Fläche aus der Nutzung herausgenommen und als Kernzonen ausgewiesen werden. Kernzonen und Pflegezonen zusammen müssen mindestens 20% der Gesamtfläche eines Biosphärenreservates einnehmen. Solche Vorgaben weckten bei den Landnutzern der Rhön große Bedenken gegen die Ziele des Biosphärenreservates. Nicht hinnehmbare Beeinträchtigungen des Eigentums und des Nutzungsrechtes wurden von Land und Forstwirten befürchtet. Wir in Hessen sind bei der Umsetzung dieser Ziele neue Wege gegangen.

Alle Kernzonen wurden ausschließlich auf Landesflächen ausgewiesen, weil uns klar wurde, dass derartig gravierende Beeinträchtigungen des Eigentumsrechtes nur vom Staat selbst geleistet werden können. Die Ziele der Pflegezonen konnten auf großen Flächen durch eine moderne Landschaftsschutzverordnung verbindlich geregelt werden. Nur Teilbereiche mussten den strengen Bestimmungen von Naturschutzgebietsverordnungen unterstellt werden.

Abgrenzungen und Schutzgebietsbestimmungen wurden partnerschaftlich zwischen ortsansässigen Naturschützern und Landwirten erarbeitet und der Oberen Naturschutzbehörde in einem von allen Seiten akzeptierten Konzept vorgelegt. Diese Vorgehensweise hat gegenseitiges Vertrauen in der Region geschaffen und alle Seiten für die Ziele des Biosphärenreservates aufgeschlossen gemacht."


Kernzonen - Kronjuwelen für morgen

"Das Biosphärenreservat hat wie vorgeschrieben 3% der Fläche als Kernzonen ausgewiesen. Diese Flächen haben den höchsten Schutzstatus und werden nicht wirtschaftlich genutzt. In allen Kernzonen wird gejagt, um eine zu starke Beeinträchtigung des Waldes durch Schalenwild zu vermeiden. Besonders für Forschung und Umweltbildung spielen die Kernzonen eine wichtige Rolle. Auf ausgesuchten Routen findet auch naturverträglicher Tourismus statt. Im Bereich der Flächen, die im Truppenübungsplatz Wildflecken liegen, konnte durch vertragliche Regelung mit dem Bundesverteidigungsministerium und dem Bundesfinanzministerium eine befriedigende Lösung gefunden werden. In den Kernzonen soll sich die Natur künftig ohne Einflussnahme durch den Menschen entfalten können.

Pflanzen und Tiere, die in den bewirtschafteten Flächen keinen Lebensraum finden, sollen hier wieder volle Entwicklungsmöglichkeiten erhalten. Aber auch die Landnutzer werden ihren Nutzen aus den Kernzonen ziehen können. "Biologische Dynamik" soll in den Kernzonen beobachtet werden. Die Erkenntnisse hieraus können auf den Wirtschaftsbetrieb übertragen und angewendet werden. So werden die betriebswirtschaftlichen "Opfer" auf kleiner Fläche sich als Rationalisierungsgewinn auf der ganzen Landesfläche mehr als refinanzieren. Und schließlich sollen die Menschen auf bestimmten behutsam ausgesuchten Routen einmal wieder Urwald pur erleben können - mitten in Deutschland."


Naturwacht - alles andere als Hilfssheriffs

"1994 wurde in der Rhön erstmalig in Hessen eine hauptamtliche Naturwacht eingerichtet. Junge, aufgeschlossene Forstwirte mit einer hochqualifizierten Ausbildung stehen den Besuchern der Rhön ganzjährig mit Rat und Tat zur Verfügung und legen unbürokratisch selbst Hand an, wenn mal etwas aus dem Lot gegangen ist. Die Mitarbeiter der Naturwacht haben keine Polizeiaufgaben. Sie sind Partner und Berater der Bürger und der Besucher. Durch ihr fachkundiges, aufgeschlossenes und freundliches Auftreten, haben sie sich schnell die Sympathie der Gäste und der Einheimischen erobert. Auf dieser Ebene lassen sich Konflikte im Zusammenhang mit der Beeinträchtigung von Naturschutzbelangen in aller Regel vernünftig regeln. Jährlich werden etwa 100 Besuchergruppen mit mehreren tausend Menschen - hauptsächlich heimische Schulklassen - durch die Naturwacht geführt."


Nicht wachsen oder weichen, sondern Qualität und Transparenz

"Die Globalisierung der Wirtschaft macht auch vor der Rhön nicht halt. Immer mehr, immer schneller, immer preisgünstiger - das ist die weltweite Devise. Da kann die Rhön nicht mithalten. Qualität, Nachweis der Herkunft und Transparenz über die Verarbeitung sind die Antworten der Rhön. Verantwortungsvolle Verbraucher fragen immer öfter "Wo kommt mein Steak her?" "Wie wurde die Kuh gehalten, von der das Steak stammt?" "Was haben die Schafe gefressen, die mir in der Gastwirtschaft als Lammkotelett serviert werden?" "Wurde den Forellen Antibiotika in das Gewässer gegeben?"

Allergien, Angst vor der Creuzfeld-Jacob-Krankheit, Penicillin-Resistenz aber auch Sondermüllberge, Trinkwasserbelastung oder Luftverschmutzung veranlassen immer mehr Mitbürger zu verantwortlicher Auswahl ihrer Konsumgüter. Rhöner Weideochse, Rhöner Bachforelle oder Rhön-Apfel sind unsere Antworten. Verbunden mit dem Nachweis der Herkunft, der Garantie einer artgerechten und ökologisch orientierten Anzucht und einer qualitativ hochwertigen, an alten Traditionen orientierten Verarbeitung entstehen in der Rhön zunehmend neue und unverwechselbare Markenprodukte. Sie tragen zur Wertschöpfung bei und schaffen neue Arbeitsplätze in der Rhön."


Es wird geschützt, was die Gesellschaft geschützt haben will

"Man kann noch soviel Gesetze machen, um Erhaltenswertes zu schützen, wenn die Menschen kein Verständnis dafür aufbringen, wird diesen Bemühungen kein Erfolg beschieden sein. Menschen sind durchaus bereit, Beschränkungen in Kauf zu nehmen, wenn sie deren Sinn einsehen. Deshalb wird im Biosphärenreservat Rhön der Umweltbildung und Umwelterziehung ein hoher Stellenwert eingeräumt. Jährlich finden etwa 500 Veranstaltungen der Umweltbildung mit rund 10.000 Teilnehmern statt. Die hessischen Lehrpläne wurden daraufhin durchgearbeitet, um festzustellen, inwieweit Belange des Biosphärenreservats in den verschiedenen Unterrichtsfächern betroffen sind. Unterlagen hierzu wurden in einer sogenannten "Umweltbildungskiste" zusammengestellt. Diese steht allen Schulen der Rhön für den Unterricht zur Verfügung."


Rotkernige Buche und Rhönholzveredler

"Ertragreiche reife Wälder sind der Traum von Ökologen und Naturwaldbesuchern. Eigentlich würden auch Waldbesitzer ihre Buchenbestände gerne alt und wertvoll werden lassen, wenn da nicht der Rotkern wäre. Rotkernigkeit tritt mit zunehmendem Alter der Buchenstämme ein. Rotkernige Buche ist technisch voll verwendungsfähig, aber Rotkernigkeit gilt als Holzfehler, das Holz hat einen Makel, es verliert an Wert. Deshalb müssen rotkerngefährdete Buchenbestände schon oft lange vor ihrer Bestandsreife genutzt werden.

In der Rhön haben sich Bioschreiner, Holzhändler, Sägewerker, Forst- und Regionalverwaltung und Naturschützer zusammengetan und bieten diesem Trend Paroli. Die "Holzfehler" werden so verarbeitet, dass Möbel und Bauteile entstehen, bei denen der Rotkern imposante Muster und Gestaltungsformen bildet. Aus einer angeblichen Schwäche wird durch hohes Können eine Stärke entwickelt. Das Ergebnis kommt allen zu Gute. Wunderschöne Möbel, Wertschöpfung für die kreativen Holzverarbeiter, Vermeidung von Negativzuwachs bei den Waldbesitzern und jede Menge ökologischer wertvoller reifer Buchenwald in der Rhön."


Naturschutz einmal ganz anders

"Sehr oft hingen in der Vergangenheit im Naturschutz Aktivitäten von vielen Zufälligkeiten ab. In der Rhön sollen die naturschutzfachlichen Ziele zukünftig systematisch verfolgt werden. In enger Zusammenarbeit mit den Naturschutzverbänden und unter Federführung der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz, der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt und Stiftung Hessischer Naturschutz wurde ein zoologisches Artenschutzkonzept erarbeitet. Darin wurden aus der großen Artenvielfalt 73 wichtige Repräsentanten herausgesucht. Diese Zielarten wurden unter dem Gesichtspunkt ausgewählt, dass Schutzmaßnahmen, die zur Verbesserung ihrer Lebensräume dienen, vielen weiteren Arten, deren Leben an ähnliche Lebensbedingungen gebunden sind, zugute kommen werden.

Daneben wurden unter Federführung der Botanischen Vereinigung und des Naturschurzbundes Hessen nach ähnlichen Gesichtspunkten ein systematisches botanisches Artenschutzkonzept entwickelt. Es ergänzt das zoologische Artenschutzkonzept hervorragend und gibt wichtige Hinweise auf dringende Naturschutzmaßnahmen im Biosphärenreservat Rhön."


Die Rhöner sind stolz, Rhöner zu sein

"Menschen können nur dann erfolgreich sein, wenn sie an sich selbst glauben. Das Biosphärenreservat hat dazu beigetragen, das Selbstwertgefühl und die Zusammengehörigkeit der Rhöner zu stärken. Ihnen wurde richtig bewusst, wo und wie überall in der Region die Post so richtig abgeht. Fast täglich konnten sie erfahren, wo wieder ein findiger Kopf wieder etwas Neues ausgetüftelt hatte.

Da sich ja Biosphärenreservate immer mit den Grundlagen eines Lebensraumes beschäftigen, wurde viel Traditionelles mit großem Erfolg wiederbelebt. Das hat dazu beigetragen, das Profil der Rhön zu schärfen. Sprache, Gebäude und Traditionen sind im Stellenwert gestiegen. Mundart wird wieder öfter gesprochen und gesungen - aber nicht in Lederhosen, sondern modern, frech, weltoffen und mit einer großen Portion Selbstkritik."

Das Gespräch führten Carla Ihle-Becker und Martin Angelstein. +++


"Ich bin stolz, ein Rhöner zu sein" ....

Fotos: Martin Angelstein

...Heinrich Heß zu Besuch in der Redaktion von "Osthessen-News"

...und in der Rhön bei einem von vielen Terminen mit Medien...

...oder hier beim "Rhölner Charme" anläßlich des Rhön-Festivals

Schäfer Weckbach aus Wüstensachsen mit seinen Rhönschafen ist eine Berühmtheit...

Fotos (3): Max Colin Heydenreich

...und auch dem Vieh ist klar, dass auch Hightech im Biosphärenreservat funktioniert

Viele Produkte "Aus der Rhön - für die Rhön"

Wiederansiedlung von Flußkrebsen

...oder Rhöner Weideochsen...

...und Metzger Leist mit einem tollen Stück Fleisch vom Rhöner Weideochsen...

Aber auch auf Messen machen Rhöner Produkte Schlagzeilen....

...denn die Rhön ist mehr als nur die Wasserkuppe, aber ohne die Wasserkuppe wäre auch vieles nicht in der Rhön

Wiederentdeckt wurden die Äpfel auf Streuobstwiesen und Produkte daraus wie Apfelsherry von der "Krone" in Seiferts

Die "Rhöner" haben ihre Kultur bewahrt...

...und efreuen sich der Mittelgebirgslandschaft wie hier der Milseburg...

...und in deren Schatten liegt das nicht minder bekannte Malerdorf Kleinsassen...